Blind Date mal anders

Einsam stehe ich am Gleis Nummer neun. Der Zug ist bereits da, und dennoch denke ich nicht daran, einzusteigen. Ich warte auf jemanden. Sein Name ist Bilal, mehr weiß ich nicht. Ich habe keine Ahnung, wie er aussieht, wie alt er ist, ob er studiert, oder ob er überhaupt kommen wird. Der Name Bilal klingt, als käme er aus dem Balkan. Ganz schön naiv, sein „Schicksal“ in die Hände eines Fremden zu legen, denke ich mir noch, und in dem Moment kommen zwei Männer die Treppen herunter zum Bahngleis. Ich mustere sie. Könnte einer von ihnen Bilal sein? Möglich, doch sicher bin ich mir nicht. Es ist ein Blind Date, das mir bevorsteht – doch keines, das der Partnersuche dient. Das Treffen wird rein geschäftlich sein…im wahrsten Sinne des Wortes.

Zwei Tage zuvor: Eine Freundin und ich wollen uns am Wochenende treffen. Sie wohnt eigentlich in Kalifornien, doch da ihre Schwester heiratet, stattet sie ihrer alten Heimat einen Besuch ab. Kennengelernt habe ich sie in meiner Zeit als Au Pair in Kalifornien. Sie hat ihr VIsum geändert und studiert jetzt in Amerika – ich dagegen flog zurück nach Deutschland und habe hier mein Studium aufgenommen. Als sie erzählte, dass sie für ein paar Stunden Zeit für mich hätte, antwortete ich: „Ok, sag mir nur, wohin ich in Deutschland fahren muss und ich werde kommen.“ Die Gelegenheit, sie sehen zu können, musste ich ergreifen. Wer weiß, wann ich sie danach wiedersehe. Schnell war Köln als Treffpunkt ausgemacht, doch da ich als Studentin an chronischem Geldmangel leide, musste eine möglichst ökonomische Art der Beförderung gefunden werden. Als unkonventionelle, junge (und vielleicht ein bisschen naive) Studentin fiel mir sofort das Internetportal „mitfahrgelegenheit.de“ ein. Auf dieser Internetseite bieten Autofahrer Plätze in ihrem Fahrzeug an – gegen Bezahlung, versteht sich. Die meisten berechnen 6-7 Euro pro 100 km. Bei meiner Strecke von knapp 200 km (Darmstadt-Köln) rechnete ich also mit 12-14 Euro. Umso überraschter war ich, als ich ein Angebot für 10 Euro entdeckte – da musste ich  zuschlagen! Der Unterschied: Wir würden nicht mit dem Auto fahren, sondern mit dem Zug. Die Fahrt würde doppelt so lange dauern, aber Zug fahren ist komfortabler und da es sich um ein öffentliches Verkehrsmittel handelt, ist es auch sicherer für mich. Also schickte ich dem anbietenden „Fahrer“ eine Buchungsanfrage für eine Fahrt zwei Tage später, am Samstag. Schon wenige Minuten später erhielt ich eine Zusage. Per SMS. Generiert vom Buchungssystem des Internetportals. Kein persönlicher Kontakt, keine SMS von ihm selbst, kein Anruf, nichts. Nur die Zusage eines Computers.

Offenbar lief das System „früher“ anders, erst seit März diesen Jahres wurden einige Änderungen vorgenommen. Eine Registrierung ist verpflichtend und mitfahrgelegenheit.de verlangt mittlerweile von seinen Nutzern 11 Prozent Gebühr. Der Anbietende muss diese Gebühr entrichten, falls er eine Anfrage eines potenziellen Kunden (also Mitfahrers) bestätigt, quasi als „Vermittlungsgebühr“. Viele sind daher zu kostenlosen Alternativen abgewandert, zum Beispiel zu bessermitfahren.de. Doch das kann in Sachen Bekanntheit noch nicht mit dem Original mithalten und enthält daher auch weniger Angebote. Das stellte ich auch bei mir  fest, denn für meinen Termin und meine Verbindung gab es bei der Alternative kein einziges Angebot.

Ohne jeglichen Kontakt mit meinem „Fahrer“ kam mir das ganze dann doch etwas unsicher vor, um nicht zu sagen „unseriös“, obwohl ich mir sicher bin, dass die Betreiber von mitfahrgelegenheit.de mit dem neuen Buchungssystem genau das Gegenteil erreichen wollten, von dem, was ich fühlte. Tja, darüber sollte man vielleicht noch einmal nachdenken. Um das ganze doch irgendwie einigermaßen fix zu machen durch einen persönlicheren Kontakt, rief ich den „Fahrer“ einfach an. Sein Name war Bilal, seine Telefonnummer stand in der Bestätigungs-SMS, die ich vom Betreiber erhalten hatte. Nach einem kurzen, unbefriedigendem Telefonat standen zwei Dinge fest: 1.) Die Buchung hatte geklappt – er hatte es noch einmal bestätigt, dass unser „Date“ steht. 2.) Der gute Bilal konnte kaum ein Wort Deutsch sprechen, also unterhielten wir uns – bei schlechter Verbindung – auf Englisch. Zumindest so lange, bis ich es aufgab… Na das könnte ja etwas werden, dachte ich mir. Aber gut – ich als weltoffener, risikobereiter, junger Mensch lasse mir ja nur wenige Abenteuer entgehen 😉

So kam es, dass ich an besagtem Samstag auf Gleis neun stand und auf Bilal wartete. Und tatsächlich: Einer der beiden Herren, die ich die Treppen habe herunterlaufen sehen, war tatsächlich mein erwartetes „Date“. Kurzes Hände schütteln und rein in den Zug. Komisches Gefühl. Ich selbst hatte ja keine Fahrkarte gekauft und sich in dieser Situation auf einen Fremden zu verlassen, war schon sehr seltsam. Zumal wir uns auch nicht direkt nebeneinander in den Zug setzten, sondern die beiden Herren einige Reihen weiter vorne Platz nahmen. Würde Bilal Wort halten und mich tatsächlich mit seinem Ticket mitfahren lassen? War ich komplett irre, einem Fremden dermaßen zu vertrauen? Was, wenn er zum Schaffner einfach sagen würde, er kenne mich nicht – was, genau genommen, ja auch stimmte. 😀 Und ich würde ohne Ticket dastehen, denn wer glaubt mir denn schon, dass ich mich mit ihm zum gemeinsamen Fahren verabredet hatte? Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf und mein Herz fing noch mehr an zu rasen, als ich wenig später einen Schaffner auf uns zukommen sah. Ich hatte alle Mühe, meinen Instinkt zu unterdrücken. Der Instinkt lautete „Du hast kein Ticket, lauf weg, bevor er dich erwischt!“ Ich redete mir still gut zu und versuchte, mich zu beruhigen, dass doch alles in Ordnung sei, man müsse nur ein bisschen Vertrauen zu den Menschen haben. Und tatsächlich – als er kontrolliert wurde mit seinem Freund, deutete er auf mich und sagte etwas, das ich nicht verstand. Wahnsinn, es klappte! (Nicht, dass ich jemals daran gezweifelt hätte ;))

Und so ging es den Rest der Fahrt weiter. Wir stiegen mehrmals um, und jedes Mal lief ich Bilal und seinem Freund in einigen Metern Entfernung hinterher wie ein Hund einem Knochen. In Mainz stieß noch eine Mitfahrerin zu uns, mit der ich mich dann auch unterhielt. Wir stellten fest, dass ich zwei Euro weniger zahlen musste, obwohl sie doch später zugestiegen war. Soso, unterschiedliche Preise festlegen auch noch, dachte ich mir und fragte mich, ob die Jungs mit uns Gewinn machten. Ich hatte keine Ahung, was für ein Ticket sie denn eigentlich gekauft hatten, geschweige denn, wie viel sie dafür bezahlt hatten.

Nach vier Stunden Fahrt (und gefühlten 100x, die ich mich vergewissert hatte, dass die Jungs noch da sind – schließlich waren das andere Mädchen und ich ja irgendwie von ihnen abhängig) erreichten wir endlich unser Ziel: Köln. Beim Aussteigen reichte ich ihm die zehn Euro, murmelte ein „thank you. Have a good stay“ zu, und unsere Wege trennten sich. Erst jetzt stellte sich das kleine Glücksgefühl ein, dass ich doch einiges an Fahrtkosten gespart hatte durch das Teilen. Somit war das „Ticketsharing“ für mich ökonomisch gesehen von Vorteil und dadurch, dass ich mir nicht selbst ein Auto mieten musste, konnten auch wertvolle Rohstoffe gespart werden. Und auch, wenn es sehr viel Mut gekostet hat und wohl auch eine gewisse Risikobereitschaft voraussetzt, so würde ich es doch wieder tun!

PS: Die Rückfahrt buchte ich ebenfalls per Internet, dieses Mal allerdings mit einem Autofahrer. Wie sich herausstellte, hatte ich richtig Glück, denn der Junge war in meinem Alter und wir hatten eine angenehme, unterhaltsame Fahrt von Köln nach Darmstadt bei strahlendem Sonnenschein. Und das Beste: Er fuhr einen Cabrio! 😀