Zwischen baggernden Jungs, einem Gospelchor und Erbrochenem

Freitagnacht. Nach einem tollen Abend mit Freunden, gutem Essen, Cocktails und Fotoshooting will ich eigentlich nur nach Hause fahren. Meine Freundin fragt mich noch, ob sie mich bis zur Bahn begleiten soll. Ich lehne dankend ab. Ich bin nachts durch den Central Park in NYC gelaufen, da werden die paar Minuten zur Tram-Station von Bickenbach (im weitesten Sinne „Vorort“ von Darmstadt ;)) doch wohl kein Problem sein, denk ich mir. Tja, denkste. Hätte ich doch mal lieber das Angebot meiner Freundin angenommen. Keine zwei Minuten später laufe ich an einem Haufen Jungs in Partystimmung vorbei, schätzungsweise um die 20 Jahre alt. Sie sehen mich. Und los geht’s, das seltsame Verhalten von Jungs in einer Gruppe, nachts am Wochenende, wenn sie ein paar Bierchen gekippt haben und sich für obercool halten. Da wird dem vorbeilaufenden Mädchen hinterhergepfiffen, Kommentare über ihr „sexy“ Äußeres abgelassen und lautstark Sachen wie „Hey Chica!“ gerufen. Warum manche Typen in Gruppen meinen, sich so verhalten zu müssen, steht auf einem anderen Blatt Papier. Dass die angesprochene Dame es einfach nur peinlich und unangenehm findet (und höchstwahrscheinlich nicht reagieren wird, wie in diesem Fall auch nicht), sollte selbst dem betrunkensten Typen klar sein.

An der Haltestelle angekommen die nächste Überraschung. Zwei Polizisten sind gerade auf dem Weg zu ihrem auf den Tram-Schienen geparkten Streifenwagen. Eine laute Männergruppe in der Nähe. Ob die Polizisten sie wohl gerade kontrolliert hat? Wer weiß. Ich halte jedenfalls Abstand…Sicherheitsabstand. Gut, dass die Bahn in zwei Minuten kommt. Die Polizisten verschwinden rechtzeitig, bevor sie von der ankommenden Tram von den Schienen geschubst werden. Ich steige erleichtert in die Bahn ein und erlebe schon die nächste Überraschung, dieses Mal positiv: Im Zug befindet sich nur wenige Meter von mir entfernt ein Gospelchor, der gerade ein Lied singt! Sie tragen schwarze Outfits mit dunkelrotem, seidenen Schal. Ein Keyboard haben sie dabei und eine kleine Fangemeinde haben sie anscheinend auch schon. Nach jedem Stück wird applaudiert und gelächelt. Ich genieße die ungeplante Unterhaltung, bis zwei adrett gekleidete Mädchen einsteigen. Sie setzen sich mir gegenüber, ich denke mir nichts dabei. Offenbar waren sie auf irgendeiner formellen Veranstaltung (vermutlich eine Abifeier, wie ich später von anderen Mitfahrern erfahre). Ich lausche weiterhin den Klängen des Gospelchores, als sich plötzlich ein anderes Geräusch mit hineinmischt. Würg. Und ich spüre etwas nasses an meinem Fuß. Das Mädchen gegenüber…sie hat doch nicht…? Doch, hat sie. Igitt…sofort setze ich mich woanders hin und reinige meinen Fuß mit einem Taschentuch, da legt das Mädchen wieder los. Würg. Der Gospelchor singt „Oh happy day“. Na das passt ja, denk ich mir. Ich bin mir sicher, vor allem das Mädchen wird dem zustimmen…

Heilfroh bin ich, als die Tram nach weiteren 20 Minuten Fahrt meine Haltestelle in Darmstadt erreicht hat und ich aussteigen kann. Ich überquere eine Straße im Donnersbergring, ein Motorradfahrer kommt mit hoher Geschwindigkeit auf mich zu. Ich beschleunige meinen Schritt und schaffe es noch ans andere Ende auf den rettenden Gehsteig. Wenige Sekunden später höre ich einen Wagen von hinten kommen. Der heranbrausende SUV fährt mindestens 70 km/h, schätze ich, und besorgt gucke ich nach vorne zum Motorradfahrer, der noch immer in meinem Blickfeld ist. Der SUV kommt ihm gefährlich nahe, ohne zu bremsen. „Pass auf!!“, höre ich jemanden krächzen. Bis mir klar wird, dass die Stimme mir gehört. Auch meine Hände hab ich mir vor Schreck ans Gesicht gehalten. Der SUV-Fahrer hat im letzten Moment reagiert und eine Vollbremsung hingelegt. Ich warte auf einen Aufprall oder sonstige Hinweise darauf, wie es dem Motorradfahrer ergeht. Doch nichts. Scheint wohl nochmal gut gegangen zu sein. Verrückte Freitagnacht.

Rebellion im Kleiderschrank

Männer in Anzügen sind sexy. Keine Frage. Und natürlich sieht es auch noch seriös aus. Aber ganz ehrlich: müssen wir unsere Herren der Schöpfung wirklich bei Temperaturen von 36°C und erbarmungsloser Hitze in langärmligen Hemden, Sakkos und langer Hose herumlaufen lassen?
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Selbst Obama ertrug die Hitze bei seiner Rede am Brandenburger Tor in Berlin nicht mehr und musste tun, was ein Mann eigentlich immer tun sollte und vor allem  dürfen sollte, wenn es ihm zu warm ist: sich ausziehen.
Überhaupt: Wieso gibt es noch kein gesellschaftsfähiges, stylisches und vor allem kurzes Outfit für unsere Geschäftsmänner und sonstige Berufsgruppen mit Anzugs-Zwang für die heißen Sommermonate? Wieso ist noch keinem Designer ein solcher Glücksgriff gelungen? Derjenige, der das schafft, wäre doch innerhalb kürzester Zeit Millionär! Gut…man müsste natürlich erst mal die gesellschaftliche Akzeptanz herstellen, aber das müsste doch zu schaffen sein!? Jeder, der sich auch nur für eine Sekunde mal vorstellt, er selbst müsste in so einem Ding durch die Gegend laufen während (fast) alle anderen um ihn herum in kurzen Hosen und T-Shirts ihres Weges gehen können – der könnte nachvollziehen, wie nötig diese „Reform“ ist. Ich meine hallo? Wir waren auf dem Mond, bauen Atombomben, stellen Medikamente gegen die schlimmsten Krankheiten her – aber die Entwicklung und vor allem gesellschaftliche Durchsetzung eines solchen stylischen Outfits gelingt uns nicht? Hier besteht dringend Handlungsbedarf!
Der einzige Trost: Auch wenn die Wege zur Arbeit und nach Hause sich wohl so anfühlen müssen, als würde Man(n) lebendig gegrillt; die meisten Arbeitsplätze dieser Anzugträger dürften wohl – im Gegensatz zur Uni – klimatisiert sein.

Wenn ein dringendes Bedürfnis zur Qual wird…

Stellt euch folgende Situation vor: Es klingelt an eurer Tür und eine fremde, junge Blondine steht vor euch und fragt, ob sie die Toilette benutzen dürfte…wie würdet ihr reagieren?

Wie ich auf so etwas komme? Tja, ich hatte mir die Frage selbst gestellt, wie ich an seiner Stelle reagieren würde, denn die unbekannte Dame an der Tür war… *hust*…ich.
Was treibt jemanden zu einer solchen Aktion? Naja, zunächst mal, jeder, der mich kennt, wird von der folgenden Story nicht überrascht sein, ist sie doch „Typisch Sonja“. 😉 Aber all diejenigen, die noch nichts von den berühmt-berüchtigten, verrückten Aktionen der Sonja Nowack gehört haben, seid gewarnt! Es könnte leicht peinlich werden. 😉

Angefangen hat alles mit einer normalen Zugfahrt…naja, fast normal. Ich hatte für ein Wochenende meine Eltern in einer beschaulichen Stadt in Bayern besucht und wollte nun ganz entspannt die Rückfahrt antreten. Doch am Bahnhof angekommen, musste ich feststellen, dass an diesem Tag mein Zug überraschenderweise nicht fuhr…nun ja, Schienenersatzverkehr war eingesetzt. Dass die Organisation und die Informationsweitergabe der Bahn Raum für Optimierung liefert, sei hier mal kurz eingeschoben, aber das ist wieder ein anderes Thema 😉 Betonen möchte ich noch, dass die Reise um ca. 12.30 Uhr mittags begann und die Zugfahrt nach Darmstadt normalerweise etwa vier Stunden dauert. Durch den Schienenersatzverkehr (ich hab gehört, andere nennen das einfach nur „Bus“ ;)) kam ich später an meiner Zwischenstation Würzburg an. Inzwischen verspürte ich bereits ein „dringendes Bedürfnis“ und hatte mir aus Zeitmangel vorgenommen, im Zug nach Frankfurt dann eine Toilette aufzusuchen. Gesagt, getan. Zumindest theoretisch. Denn, obwohl ich den ganzen (!) Zug von vorne bis hinten abgelaufen bin, waren alle vier Toiletten defekt! Unfassbar! Resigniert suchte ich mir einen Platz und sank zerknirscht in meinen Sitz. Die Fahrt würde knapp zwei Stunden dauern…
Ich versuchte, mich mit Zeitung lesen und Musik hören abzulenken und das klappte auch ganz gut. „Na gut“, dachte ich mir, „dann gehst du halt in der S-Bahn von Frankfurt nach Darmstadt“. Geschlagene zwei Stunden später musste ich jedoch auch diese Hoffnung begraben, als ich völlig entgeistert feststellte, dass es in der S-Bahn überhaupt keine (!) Toiletten gab! Mittlerweile war es nach 18 Uhr und…ohne ins Detail gehen zu wollen, wie meine Blase nach fast sechs Stunden ohne Möglichkeit auf Entleerung ausgesehen haben muss, kann man sich vorstellen. 😀
Ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass ich kurz vor dem Antritt der Zugfahrt mit meiner Familie zu Mittag gegessen und somit auch noch einiges an Flüssigkeit intus hatte (natürlich nur Nicht-Alkoholisches ;)).
Mittlerweile saß ich also extrem konzentriert in der S-Bahn Richtung Darmstadt. „Noch ’ne halbe Stunde, noch ’ne halbe Stunde“, sagte ich mir die ganze Zeit, denn so lange würde die Zugfahrt dauern. Sobald wir ankommen, würde ich sofort die Bahnhofstoilette aufsuchen und sogar die 50 cent dafür zahlen (obwohl ich immer versuche, das zu vermeiden).
Eine gefühlte Ewigkeit später erreichten wir den Bahnhof Darmstadt und ich zählte die Sekunden bis zu meiner Erlösung. Treppe rauf, eins, zwei, drei, … und nach links, ein paar Schritte bis zur Bahnhofstoilette und… ich starrte auf ein riesiges Schild mit sechs Buchstaben, die in diesem Moment all meine Hoffnung auf Erlösung zerbrechen ließ:
D E F E K T.
Das gibt’s nicht! Ich war kurz vorm platzen! … also nicht ich, obwohl…ich auch, aber vor allem meine Blase. 😀
Es war „nur“ (haha) noch eine weitere halbe Stunde, bis ich zu Hause sein würde, aber ich wusste, das würde ich nicht packen. Mein dringendes Bedürfnis war inzwischen mehr als nur dringend geworden. In diesem Moment war mir alles egal. Ich steuerte wild entschlossen auf den Hinterausgang des Bahnhofs zu. Ich würde mir jetzt irgendeinen unschuldigen Busch suchen und ihn bewässern. Innerlich bat ich den armen Busch schon um Vergebung „Tut mir echt leid. Ich habs mir nicht ausgesucht. Wirklich nicht…“, als ich bemerkte, dass ich mich statt in einer Grünfläche in einem Wohngebiet befand. Verdammt! Der einzige Busch war so klein und zu allem Überfluss auch noch die Abgrenzung zwischen Straße und Bahnhof, wenn ich mich da reinsetzen würde, hätten nicht nur die Autofahrer einen … ich nenn es mal „interessanten“ Anblick, sondern auch noch die Fahrgäste der Züge. Es musste eine Alternativlösung her…nur welche?
Ich musterte für einige Sekunden die Häuser und plötzlich wusste ich, was ich tun würde. Entschlossen schritt ich auf das erstbeste Haus zu und klingelte energisch. Ein Herr, schätzungsweise Mitte 40, mit Migrationshintergrund (wie es so schön heißt ;)), öffnete mir die Tür. „Entschuldigung, ich weiß, das ist wirklich eine etwas ungewöhnliche Situation, aber ich muss ganz dringend mal aufs Klo. Wenn ich Ihnen 50 cent gebe, kann ich dann Ihres benutzen?“, fragte ich, fast schon flehend. Erstaunlich, zu welchen Aktionen man fähig ist, wenn man verzweifelt ist. 😀 Der Mann sah mich verwundert und leicht verwirrt an, doch gab mir mit einer einladenden Geste zu verstehen, dass ich eintreten könne. So betrat ich also dankbar lächelnd eine fremde Wohnung und erleichterte mich in einem fremden Badezimmer. Ich glaube, ich war noch nie so froh, eine Toilette gesehen zu haben! 😀
(acht Stunden ohne ist echt eine Qual – habt ihr das mal ausprobiert??)
Als ich aus dem Badezimmer heraustrat, stand der Mann, der mich reingelassen hatte, noch immer da und sah mich fragend an. Ich wollte ihm – wie versprochen – die 50 cent in die Hand drücken, doch der lehnte ab. Ich sagte nur, aus tiefstem Herzen und mit dem strahlendsten Lächeln, dass ich hatte „Vielen, vielen Dank!!“ und verschwand. Mann, fühlte ich mich gut! 😀 Ob der Mann die Geschichte von der fremden, jungen Dame, die plötzlich an seiner Tür war, nur um aufs Klo gehen zu können, wohl weitererzählt hat? Vielleicht war ich sogar DER Witz an seinem Männer-Stammtisch, wer weiß. Oder vielleicht hat er aber auch einfach nur gedacht, was für eine verrückte Welt mit verrückten Menschen das wohl ist. Wer weiß 😉 Ich für meinen Teil fühlte mich mal wieder bestätigt in meiner Meinung, dass die Menschen sehr viel verständnisvoller und sozialer sind als ihr Ruf. Oder wie ich immer gerne sage, „people are not that bad.“ 🙂