Portrait über Thorsten Mühlberger: Immer in Bewegung

Zweimal klatscht er in die Hände. Alle im Saal Anwesenden stehen auf, denn sie wissen, was das heißt: Die Probe beginnt. Gespannt richten sich 45 Augenpaare auf einen Mann: Thorsten Mühlberger. Ohne ein Wort zu sagen, fängt er an, sich die Hände zu reiben und stimmt eine Melodie an. Die Chormitglieder wissen, was zu tun ist. Sogleich füllt sich der Raum mit den Klängen von fast vier Dutzend sich reibenden Händen und Stimmen, die sich beim Singen der vorgegebenen Tonfolge vereinen.

Bild 545b

Thorsten Mühlberger am Klavier
Foto: Sonja Nowack

Es ist heiß an diesem Dienstag im Juli. Der Darmstädter Chor „Git on Boa’d“, der Musical-Medleys, Gospels und zumeist englischsprachige Songs singt, trifft sich einmal wöchentlich in der Darmstädter Südostgemeinde zur gemeinsamen Probe. Heute ist die letzte vor der Sommerpause. Seit 2007 ist der 28-jährige Thorsten Mühlberger der Leiter der jungen Sängerinnen und Sänger. Für den aus Worms stammenden Musiker war die Übernahme des Darmstädter Chores ein Wendepunkt in seinem Leben. Denn das war der Moment, in dem er sich dazu entschied, die Musik zu seinem Beruf zu machen. „Ich habe schon vorher nebenbei hobbymäßig mehrere Chöre geleitet, aber als ich auf ‚Git on Boa’d‘ gestoßen bin, wusste ich, dass ich das hauptberuflich machen möchte.“ Angst vor dem Schritt in die Selbstständigkeit hatte er nicht. „Entweder es klappt – oder es klappt nicht“, sagte sich der damals erst 22-Jährige. Und es hat geklappt – und wie. Mittlerweile leitet er neben „Git on Boa’d“ noch weitere sieben Chöre, spielt in einer Band, sitzt in einer Gesangsformation am Piano und gibt zwölf Schülern Privatunterricht im Klavierspielen. Am liebsten ist er aber Chorleiter. „Das ist genau mein Ding, ich habe gerne mit Menschen zu tun und finde es spannend, wie sich die Lieder in den Proben entwickeln. Wenn der Chor das Arrangement gut hinkriegt und ich den Spaß der Chormitglieder sehe, dann geh ich darin richtig auf.“ Vier bis fünfmal im Jahr vermittelt Thorsten Mühlberger außerdem sein Wissen in Workshops. Ganz schön viel zu tun, könnte man meinen. „Manchmal denke ich, ich arbeite mehr als die anderen, manchmal habe ich aber auch das Gefühl, ich mache weniger, weil es oftmals keine Arbeit ist“, so der Wormser. Mit einigen Chormitgliedern ist er auch privat befreundet. „Die meisten nahen Freunde von mir stammen aus den Chören“, erzählt er. Wenn er mal nicht musikalisch aktiv ist, verbringt er seine verbleibende Freizeit in seinem Garten, in dem er vor allem Kräuter und Gemüse anbaut. Er liest außerdem gerne historische Romane über Prag oder kocht mit Freunden.

Dass er mal „etwas mit Musik“ machen will, wusste er schon als Kind. Im Kindergartenalter bekam er eine Heimorgel geschenkt und „klimperte darauf herum“, später machte er mit Gitarre weiter und wechselte anschließend zum Keyboard. Vieles hat er sich selbst beigebracht, aber verschiedene Lehrer hatte er auch. An der Bundesakademie Wolfenbüttel hat er eine 2-jährige Ausbildung zum Jazz- und Popchorleiter erfolgreich abgeschlossen und gehört zu den ersten 25 Absolventen. Aber auch der Profi, der er mittlerweile geworden ist, lernt noch dazu. „In jeder Chorprobe“, wie er sagt. Zudem hatte er im Dezember 2012 eine Phase, in der ihm alles zu viel wurde und er kurz vor einem Burn-out stand. Selbst daran findet Thorsten Mühlberger etwas Positives. „Das hat mir gezeigt, dass ich manche Sachen delegieren muss, was mir schwer fällt, weil ich alles gerne selbst mache.“ Das Delegieren funktioniert bei „Git on Boa’d“ gut, zum Beispiel gibt es eine Jubiläums-AG, die aus Chormitgliedern besteht und die Songauswahl für das Jubiläumskonzert im nächsten Jahr beschließt.

Bild 523b

„Git on boa’d“ bei der Probe
Foto: Sonja Nowack

Zurück in der Chorprobe. Mittlerweile ist von dem Unisolo am Anfang nichts mehr zu hören, denn Thorsten Mühlberger hat jeder Stimmlage – Sopran, Alt, Tenor und Bass – eine eigene Melodie vorgegeben, die jetzt immer wieder von allen gesungen und noch immer vom Reiben der Hände begleitet wird. Der junge Chorleiter läuft um das Klavier herum, damit er jede Stimmlage besser hören kann. Sein Blick ist oft abgewandt auf den Boden gerichtet, lauschend, ob die Harmonien stimmen, ob die Einsätze korrekt sind, ob der Rhythmus eingehalten ist. Vor jeder Gruppe bleibt er kurz stehen. Gibt hier und da Anweisungen. Und lauscht dann wieder aufmerksam. Mit dem rechten Fuß stampft er leicht den Rhythmus mit, ebenso schnipst er mit seinen Fingern. Sein Oberkörper bewegt sich leicht mit. Immer im Rhythmus, immer in Bewegung. Er stellt sich schließlich auf ein Podest, von diesem Punkt aus hat er alle Chormitglieder im Blick. Wieder lauscht er einige Sekunden, bevor er mit seinen zwei geballten, ausgestreckten Fäusten den Abschluss der Übung anzeigt. Dann springt er mit Schwung vom Podest, sichtlich erfreut, dass seine Übung funktioniert hat. „Mal ein anderes Einsingen“, kommentiert er lachend – er ist kein Mann der großen Worte.

Jetzt beginnt die Arbeit an den Stücken. Das neueste, „Good day Sunshine“ von den Beatles, übt der Chor erst seit wenigen Wochen. Obwohl im Zwischenteil noch einige Stellen nicht eingeübt wurden, möchte Thorsten Mühlberger heute mit dem letzten Teil des Songs anfangen. „Das hat einen psychologischen Effekt“, erklärt er später, „Wenn man das Ende schon einmal kann, dann ist das ein positives Gefühl, wenn man den Zwischenteil lernt und dann wieder beim bekannten Schluss ankommt.“ Gibt es noch mehr solcher Taktiken, die der junge Chorleiter anwendet? „Ich achte immer darauf, dass keine Stimmgruppe länger als fünf Minuten nicht zum Singen kommt. Die Leute kommen ja, weil sie singen wollen.“ Und das tun sie auch. Insgesamt arbeitet Thorsten Mühlberger an dieser letzten Probe vor den Sommerferien an vier Stücken mit seinem Chor. Mal begleitet Thorsten Mühlberger seinen Chor am Klavier, mal lässt er verschiedene Gruppen einzeln singen, oder er steht im Hohlkreuz vor seinem Klavier und spielt die einzelnen Töne mit, die die jeweilige Gruppe singen soll. Eines aber fällt auf: fast immer bewegt sich der junge Chorleiter. Sei es der Fuß, die Hand, der Oberkörper oder der Kopf, der den Rhythmus mitschwingt.

Zwischendrin kommuniziert er immer wieder mit seinem Chor, gibt Anweisungen. Als die Chormitglieder kurz ins Schwätzen verfallen, mahnt er zur Konzentration. „Passt auf bitte – seid da! Das ist wieder eine Minute, die wir uns schenken können“, sagt er in sanftmütigem Ton. Schreien, um sich Gehör zu verschaffen, ist nicht Thorsten Mühlbergers Art. „Da sein“ – das sind oft seine Worte, auch als der Chor seinen Einsatz nicht richtig findet. „Manche sind noch nicht ganz da – nochmal!“, sagt Thorsten Mühlberger dann. Trotz der manchmal anstrengenden Situationen in den Proben ist er gerne Chorleiter. „Den Leuten etwas beizubringen und ihnen gute Laune zu bringen, gerade in Zeiten, die von Stress geprägt sind, ist toll. Es gibt Momente mit dem Chor, die von Energie geprägt sind, und das sind die Momente, die ich mitnehme.“ Mitnehmen soll diese Energie auch das Publikum, das zu den Konzerten kommt. „Wenn der Energieaustausch passiert zwischen Chor, Chorleiter und Zuschauern, dann war das ein tolles Konzert. Und das ist der Sinn – dass alle gut gelaunt aus dem Konzert gehen.“