„Ich nehme keine Paare an, bei denen ich keine Hoffnung sehe „

Die Scheidungsrate nimmt in den westlichen Ländern seit Jahren immer mehr zu. 2012 lag die Scheidungsrate bei 46,2 Prozent. Das bedeutet, dass fast jede zweite Ehe geschieden wird. Deshalb versuchen viele Paare, dem zuvor zu kommen und wollen die Probleme ihrer Beziehung in einer Paar-und Sexualtherapie aufarbeiten. Doch nicht nur Ehepaare gehen zu den Therapiestunden, auch immer jüngere unverheiratete Paare lassen sich von Experten helfen. Im Interview erzählt die selbstständige Paar-und Sexualtherapeutin Petra Hertkorn aus Darmstadt, mit welchen Methoden sie ihnen hilft, welche Paare zu ihnen kommen und wann jede Hoffnung verloren ist.

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Paar-und Sexualtherapeutin Petra Hertkorn aus Darmstadt.
Foto: Privat

Frau Hertkorn, wie kamen Sie von einem Studium in den Bereichen Philosophie und Verwaltungswissenschaften zur Paar-und Sexualtherapie?
Petra Hertkorn: Nach meinem Studium habe ich in vielen sozialen Bereichen gearbeitet und irgendwann in die Industrie gewechselt. In einem Unternehmen war ich dann für die Strategieentwicklung zuständig und habe Qualitätsmanagement-Systeme aufgebaut. Dort bekam ich Personen geschickt und die sollten dann so verändert werden, dass sie zum Unternehmen passen und dem Unternehmen Mehrwert bringen. Ich kam dann an den Punkt, an dem ich das nicht mehr wollte. Ich wollte mir meine Klienten selbst aussuchen und auch nur mit Menschen arbeiten, die das auch wirklich wollen. Es gehört auch nicht zu meinem Weltbild, gerade im psychologischen Bereich, dass man Menschen in eine Richtung schickt, in die sie selbst nicht wollen. Daraufhin habe ich mich entschieden, nochmal zu studieren und die Ausbildung zur *Systemischen Therapeutin zu machen. Mit einer Praxis habe ich mich dann selbstständig gemacht. Hier kommen die Menschen her, weil sie es wollen.

Wie läuft eine Therapiestunde ab?
Wenn ich ein Paar für die Therapie annehme, dann ist die Frage: Wo steht das Paar? Das entscheidet darüber, wie man vorgeht. Trainiert man Konfliktverhalten oder Resignation. Resignation ist eine Fähigkeit, das wird unterschätzt. Resignieren können heißt hoffnungslos werden, das ist das größte Geschenk, das ein Mensch haben kann. Stellen Sie sich vor, Sie hatten einen Motorradunfall und ein Bein ist weg. Dann starren Sie immer hoffnungsvoll auf den Stumpf. Es gibt einen Spruch: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Paar-und Sexualtherapie ist ein permanenter Ist-Soll-Vergleich. Beide schauen, was machbar ist und wo wohlwollende Resignation sinnvoll ist. Das Ziel der Paartherapie: gute Beziehung oder gute Trennung.

Wer sind Ihre typischen Klienten?
Verstärkt junge Paare, die heiraten wollen und Probleme bewältigen wollen. Die sind dann zwischen 25 und Anfang 30 Jahre und wollen präventiv arbeiten. Das sind meine Lieblingskunden. Mit denen schließe ich dann eine Art Ehevertrag, in dem drinsteht, wie man mit den Konfliktthemen umgeht. Die zweite Klientengruppe sind Paare zwischen 30 und 40 Jahren, die schon die ersten ein oder zwei Kinder haben. Da ist dann oft das Sexleben weg und sie leben nur für die Kinder. Bei solchen Paaren müssen Strukturen geschaffen werden.

Wie viel kostet eine Therapiestunde?
Eine Therapiestunde bei mir kostet 100 Euro. Ich nehme allerdings keine Paare an, bei denen ich keine Hoffnung sehe. Ich bin frei in der Wahl, anders als in der Industrie. Und wenn ich bei Paaren keine Hoffnung mehr sehe, sage ich auch mal: „Ihre Ehe ist aus meiner Sicht beendet“. Dass es endlich mal jemand ausspricht, kann manchmal auch sehr entlastend sein für die Paare.

Wie viele Klienten haben Sie?
In der Woche habe ich 15-20 Klienten. Systematische Therapie ist immer Kurzzeittherapie. Ich sage den Paaren immer, nach sechs, spätestens acht Sitzungen werfe ich sie hier wieder raus. Es braucht Druck dahinter, dass das Paar auch wirklich an sich arbeitet. Hier kann jede Stunde die letzte sein, weil ich jederzeit sagen kann, ich möchte nicht mehr mit dem Paar weiter arbeiten. Da bin ich sehr strikt.

Gibt es auch No Gos in den Therapiestunden?
Ja. Wenn Paare in der Therapiestunde Vergangenheitsabrechnung machen und anfangen mit „Du hast das gemacht“ – „Ja, aber nur, weil du dies gemacht hast“. Da breche ich sofort ab. Dafür ist hier kein Platz. Wenn sich die Paare nur Vorwürfe machen wollen, können sie das auch zu Hause machen.

Mit welchen Problemen im Bereich Sexualität kommen die Paare zu Ihnen?
Es gibt drei klassische Beispiele in der Sexualtherapie. Erstens: Der Mann erkrankt an einer Erektionsstörung, zum Beispiel durch Testosteronmangel oder durch Medikamente und Erkrankungen. Dann stellt sich die Frage: Wie geht das Paar damit um? Zweitens: Der eine Partner hat Interesse an Sadomaso-Praktiken, der andere will das aber nicht. Wie passt das mit dem Treueversprechen zusammen, wenn unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse da sind? Und drittens: Das junge Paar, das sein erstes Kind bekommen hat. Die Frau erzeugt das Bindungshormon Oxytocin, das auch beim Orgasmus ausgelöst wird, durch das Stillen und Streicheln eines Babys. Die Frau ist also nicht nur erschöpft vom Alltag mit dem Baby, sondern auch sozial satt und hat keine Lust auf Sex. Der Mann hingegen war den ganzen Tag arbeiten und kommt sozial nicht-satt nach Hause und da klaffen die Bedürfnisse auseinander.

Will der Mann denn meistens mehr Sex als die Frau?
Bei Paaren unter 45 Jahren will der Mann zu 80 Prozent mehr Sex als die Frau. Ab 45 Jahren kippt das dann und die Frau will mehr Sex als der Mann.

Wieso können Paare ihre Konflikte nicht alleine lösen?
Weil wir das alle nicht gelernt haben und ich glaube, weil es auch ganz menschlich ist. Klassisches Konfliktmanagement ist: Zwei Personen wollen nicht zur gleichen Zeit das gleiche auf die gleiche Art. Das ist der Alltag. Klassische Lösung im Konfliktmanagement ist die Revierlösung. Einer bestimmt, einer passt sich an. Der, der bestimmt, bekommt, was er möchte. Der, der sich anpasst, bekommt nicht, was er möchte. Das ist die perfekte Art, Konflikte zu lösen, solange jeder in dem Bereich bestimmen kann, der ihm wichtig ist. Und es ist selten, dass den Menschen der gleiche Bereich gleich wichtig ist. Man hat vielleicht in jedem Bereich eine andere Vorstellung. Ein Beispiel: Das Paar kauft sich ein neues Auto. Früher war es so, dass der Mann die PS-Zahl bestimmt, die Frau die Farbe. Also beide bestimmen den Bereich, der für sie entscheidend ist, und beide fühlen sich gewürdigt, weil sie mitreden können.

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Petra Hertkorn arbeitet in den Therapiestunden gerne mit Flipchart.
Foto: Sonja Nowack

Klassische Rollenverteilung früher: Die Frau hatte als Kernkompetenz Haushalt und Kinder, der Mann, das Geld verdienen. Wenn sich der junge Vater einmischt bei dem Kind und sagt, das Kind bräuchte eine Mütze, sagt die Mutter „nein, das ist mein Bereich, meine Kompetenz, das geht dich gar nichts an“. Da geht es nicht um die Mütze, sondern um das Revier. Wenn beide bestimmen wollen, entsteht ein Machtkampf, verbunden mit „Ich habe Recht, du hast Unrecht“. Und da ist es wurscht, ob es um Sex geht oder um die Mütze von Kindern. Die Paare kommen, weil es früher geklappt hat, weil klar war, wer für welches Revier verantwortlich ist. Durch eine Veränderung von äußeren Umständen wie Kinder werden geboren, die Frau macht Karriere, der Mann geht in Rente, da müssen Reviere neu verhandelt werden. Und jede Veränderung muss neu diskutiert werden.

Aber nicht in jedem Bereich kann man diskutieren. Wenn der Mann mehr Sex will als die Frau, kann man sie ja nicht zwingen.
Ja, da kann man schlecht bestimmen. Ist Sex verhandelbar? Eigentlich nicht. Alles andere schon. Da muss man im Einzelfall gucken. Sie können eine Entscheidung über Wichtigkeit treffen oder Einzelfalllösung, die in der Regel aufwändiger ist. Aber auch da gibt es Lösungen, zum Beispiel in den geraden Kalenderwochen entscheidet Partner A, in ungeraden Wochen Partner B.

Ansonsten sind die Paare unzufrieden.
Genau. Und da gibt es zwei menschliche Wege. Es gibt das, was man die wohlwollende Resignation nennt. Das ist das größte Geschenk einer dauerhaften Liebesbeziehung…

Echt? Das müssen Sie erklären.
Hört sich furchtbar an, gerade, wenn man jung ist. Ein Beispiel: Ein altes Paar, die Frau stöhnt über ihren Mann: „Hach, er schnarcht, er schmatzt beim Essen und der Sex ist auch nicht mehr so gut. Aber man muss ihn trotzdem lieben.“ Das heißt, sie sieht ganz genau das, was sie nicht mehr bekommt, aber sie setzt bewusst eine rosarote Brille auf. Das ist ein tolles Gefühl. Es bedeutet „Selbst, wenn du nicht bist, was ich von dir erwarte und du meine Bedürfnisse enttäuschst, ich liebe dich trotzdem“. Man sieht durchaus, was fehlt und man kämpft nicht mehr darum. Aber man liebt sich trotzdem. Das ist die wohlwollende Resignation, und das ist der größte Gewinn aus einem guten Konfliktverhalten, den Sie brauchen, damit der Tod Sie scheidet und nicht der Richter.
Gutes Konfliktmanagement und die Fähigkeiten zur wohlwollenden Resignation. Wenn Sie das nicht besitzen, entsteht etwas, das nennt sich kalte Resignation. Da herrscht dann Wortlosigkeit, Traurigkeit, jeder geht seinen Weg. Wo die Paare sich befinden, sehe ich in der Körpersprache, wenn die Paare reinkommen. Da sind wir ja deutlicher als in jedem gesprochenen Wort.

Was ist mit den Paaren, die ihre Konflikte gut lösen können?
Die Paare, die gutes Konfliktmanagement haben, sehe ich ja nicht. Die Paare kommen, wenn sie sehen, das Bild, was sie sich vom Partner gemacht haben, ist eine Illusion und sie hängen in einem Kampf fest. Die Paare, die nicht im Kampf bleiben und sich einigen, die lerne ich nicht kennen, denn die können sich alleine einigen. Das sind nicht so viele, glauben Sie mir. Die meisten Paare kennen die verschiedenen Phasen einer Beziehung mit Konflikten.

Haben Ihnen schon Paare gesagt, dass sie nach den Therapiesitzungen glücklicher waren?
Ja, das ist meistens so. Aber das ist nicht, weil ich die beste bin, sondern weil ich darauf achte, wen ich annehme. Paare, die schnell eine Lösung wollen, sind gar nicht daran interessiert, ernsthaft an ihrer Beziehung zu arbeiten. Die wollen dann eine Wunderpille, aber die gibt es bei mir nicht.

Geben Sie den Paaren auch Hausaufgaben auf?
Ja, ich habe vier Methoden. Erstens die Paarkonferenz. Ich verordne den Paaren Gesprächszeit, in denen sie sich über den Tag austauschen. Das sind dann Fragen wie „Drei Dinge, die heute für dich toll oder blöd waren und warum“. Ich zwinge die Paare dazu, gemeinsam Abend zu essen, keinen Fernseher zu benutzen und mache eine feste Zeit für die Paarkonferenz mit ihnen aus.

Jeden Tag?
Ach, das schafft doch kein Paar.

Was sind die anderen drei Methoden?
Zweitens: Ich führe als Autoritätsperson Zwangssex oder Sexverbot ein. Entweder es gibt einen festen Tag in der Woche, an dem Sex gemacht wird, egal, ob man Lust darauf hat. Die Paare sollen von dem Gedanken weg kommen, dass Sex immer spontan und toll sein muss. Eine Aufgabe könnte auch sein „Haben Sie den schlechtestmöglichen Sex“. Dann kommen die Paare wieder ins Gespräch über Sex und lachen darüber. Das nimmt die Spannung und den Druck.
Oder ich verordne Sexverbot. Dann kommt es vor, dass manche Paare trotzdem heimlich Sex haben. Auf jeden Fall ist dann der Kampf um Sex beendet. Die dritte Methode, die ich gerne anwende, ist das Drehbuch für den persönlichen Porno. Jeder soll für sich den idealen Sex aufschreiben. Dabei möglichst viele Adjektive benutzen und viel festlegen. Drinnen oder Draußen? Hell oder Dunkel? Musik oder keine Musik? Wie soll es dort riechen? Wie ist das Vorspiel? So machen sich beide Partner bewusster, was sie im Bett wollen. Ob die Partner dann ihre Pornos untereinander austauschen, bleibt ihnen überlassen. Die vierte Hausaufgabe ist, dass die Paare Strukturen schaffen sollen. Sie müssen ihre Zeit einteilen in Paarzeit, Ich-Zeit und Familien-Zeit und auch Grenzen setzen.

Glauben Sie an die ewige Liebe?
Ja, ich glaube, es gibt verschiedene Phasen der Liebe. Aber wenn man ein gutes Konfliktmanagement hat und die wohlwollende Resignation verinnerlicht hat, dann geht das. 30 Prozent sind lösbare Probleme, ansonsten ist Akzeptanz und Toleranz der Weg. Ich glaube bis heute daran, dass Menschen gut miteinander leben können und Konflikte lösbar sind.

Sie sind selbst geschieden und in einer neuen Ehe und haben Kinder. Führen Sie denn jetzt die „perfekte Beziehung“?
Nein, wenn man im System steckt, kann man nicht drauf gucken. Wir laufen in dieselben Fallen wie andere Paare auch, wir sind da keinen Deut besser. Wir Therapeuten merken dann aber hinterher, warum es schief gelaufen ist.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Hertkorn!

*Unterschied Systemische Therapie und Psychotherapie: Während die Psychotherapie die Arbeit an der Erkrankung von Einzelpersonen ist, beschäftigt sich die Systemische Therapie mit der Arbeit bei der Erkrankung der Beziehungssysteme. Systemische Therapie verändert nicht den Menschen, sondern sucht an der Schnittstelle nach Lösungen. Es geht also eher um Kompromissfindung. Im Bereich der Sexualtherapie geht es um den Umgang mit unterschiedlichen sexuellen Bedürfnissen in Beziehungssystemen.